Fünf Freunde

On Januar 3, 2023, in Tagschicht, Von C.L.

Moin,

zum Jahresende habe ich mich mit vier weiteren langjährigen Taxikollegen zu einem Weihnachtsessen getroffen. Wir kennen uns bereits gut 20 Jahre und haben gemeinsam das Jahr 2022 Revue passieren lassen.

Der erste Kollege hat im November seine Konzession abgegeben und von der Taxifahrerei endgültig die Nase voll. Beim Hansafunk war er eigentlich nur noch Servicetaxi, hat Arztpraxen bedient und mickerige Fahrten abgegriffen. Seit Jahren steigen unsere Betriebskosten, ohne das dieser Umstand in den Taxitarifen angemessen berücksichtigt wird. Dazu hat ihn der Verkehr und die Baustellensituation genervt und zuletzt auch die Transformation mit der Brechstange hin zu Elektromobilität. Der ewige moralische Zeigefinger, einzig motiviert durch ideologisches Scheuklappendenken, ist ihm gehörig auf den Keks gegangen. Seit 1986 fährt er Taxi und hätte niemals gedacht, dass er bereits mit 63 Jahren die Segel streichen würde.

Der zweite Kollege überlegt, ob er sich 2023 von seinen Fahrern trennen muss, weil sie objektiv den Mindestlohn nicht einfahren. Um 12€ brutto bezahlen zu können, muss der Angestellte 35€ erwirtschaften, was höchstens dann und wann mal möglich ist. Daher waren wir auch sehr erstaunt, dass besonders Mehrwagenunternehmer in sündhaft teure ETaxen investieren. Das rechnet sich nicht.

Der dritte Kollege hat sich in Niedersachsen ein kleines Häuschen gekauft, renoviert gerade, und wird im Laufe des Jahres 2023 aufhören. Auch ihm reicht die Verkehrs- und Tarifpolitik der Stadt Hamburg. Und auch er ist noch keine 65 bzw. 67 Jahre alt. Genug ist eben genug.

Der vierte Kollege wird dem Gewerbe noch ein bisschen erhalten bleiben und hat bei Taxi Blankenese eine neue Heimat gefunden. Dort läuft das Geschäft und die Beziehung zu Kollegen und Kunden ist sehr eng. Das wäre theoretisch auch was für mich, wenn ich nicht ständig mittags nach Hause müsste, um meine Kinder zu bekochen und zu bespaßen.

Naja und ich selber bin auch ein weiteres Jahr nur mäßig begeistert von meiner Tätigkeit gewesen. Im Unterschied zu den Kollegen bin ich allerdings erst 51 Jahre alt, fahre aber bereits seit dem 21zigsten Lebensjahr Taxi. Erträglich ist das Taxifahren nur noch, wenn ich nach 6-8 Stunden nach Hause fahre. Schichten mit 10-12 Stunden, so wie vor der Pandemie, sind für mich aktuell unvorstellbar. Die viele kostbare Zeit, die man am Taxistand jedes Jahr wegwirft. In diesem Jahr zum Beispiel ständig am Flughafen, wenn die Etaxen meine Kunden wegfahren, weil sie vordrängeln dürfen und deswegen 90% der Verbrenner Kollegen wie die letzten Deppen noch länger warten müssen. 6000€ Umsatzausfall hat mich diese Regelung 2022 gekostet und wie es deswegen in mir brodelt ist kaum in Worte zu fassen.

Insgesamt gesehen sorgt also die Geringschätzung in Verbindung mit Daumenschrauben dafür, dass sich gestandene Profis aus dem Gewerbe verabschieden und das Feld blutigen Anfängern überlassen, die nicht einmal mehr eine Ortskundeprüfung ablegen müssen.

Ich wünsche den Jungs auf ihrem weiteren Lebensweg alles erdenklich Gute und wir werden natürlich trotzdem engen Kontakt halten.

Grüße C.L.

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